Im Folgenden können Sie ein Bonuskapitel zu meinem Buch und meiner Geschichte »750 Meter Glück – Raus aus der Finanzwelt und rein ins Landleben« lesen. Das Kapitel »Das Einbauregal« hat es zwar nicht in die endgültige Version geschafft, bietet aber einen kleinen, persönlichen Einblick in die Herausforderungen und Freuden beim Renovieren des Hauses.
Wenn Sie nach diesem Bonuskapitel mehr über das Buch erfahren oder es selbst lesen möchten, finden Sie alle Informationen und Kaufmöglichkeiten zum Buch hier. Viel Freude beim Lesen!
Das Einbauregal
Juli 2016
»Durch die Mehrwertsteuerstattung und den Gewerbekundenrabatt haben wir ein Drittel gespart. Ein Schnäppchen!« Mein Vater hebt den Karton in den Einkaufswagen. Darin befinden sich die Teile einer Kreissäge. Er strahlt wie ein kleiner Junge.
Ich muss an die Heimwerker-Hymne von Reinhard Mey denken: Mein Vater ist einer dieser von Mey besungenen »Männer im Baumarkt«.
»Die alte Säge war zum Verzweifeln«, sagt mein Vater.
Ich freue mich, dass wir das richtige Arbeitsmaterial gefunden und auch noch Geld gespart haben – dieses Leuchten in den Augen meines Vaters vermag eine Kreissäge bei mir jedoch nicht auszulösen. Bei einer neuen Hose oder Halskette sähe es anders aus.
Wir rollen den Einkaufswagen Richtung Holzabteilung.
Holzlatten für den Regalrahmen.
Weißlackierte Bretter als Einlegeböden.
Schrauben.
Mehr brauchen wir für das Einbauregal nicht.
»Warum mauern wir sie nicht einfach zu?«
Die ehemalige Speisekammer war ähnlich dreckig wie die Küche beim Hauskauf. Zudem roch sie nach Rauchfleisch. Ich konnte mir unmöglich vorstellen, darin Lebensmittel zu lagern.
»Man mauert doch keinen Raum zu! Den Platz wirst du noch brauchen.« Mein Vater schüttelte den Kopf.
In der Tat: Es war eine blöde Idee. Der Stauraum in der Küche reicht nicht, um Lebensmittel für mehrere Helfer und mehrere Tage zu lagern. Ich brauche Platz!
Lukas hat das alte Regal aus der Speisekammer herausgebrochen. Mein Vater hat die Wände begradigt, ich habe sie tapeziert und gestrichen.
Um den Laminatboden hat sich wieder mein Vater gekümmert.
Alles ist neu und lebensmittellagerfreundlich.
Fehlt nur noch das Regal. Das werden mein Vater und ich an diesem Wochenende einbauen. Passgenau und platzoptimiert.
Ein Grundkurs im Sägen und Schreinern erwartet mich. Wieder eine neues Handwerk.
Säge zusammenbauen. Schwer zu sagen, ob die Vorfreude bei mir oder meinem Vater größer ist. Nach wenigen Minuten steht die Tischkreissäge in der Garage. Wie ein kleiner Schreibtisch, aus dessen Mitte ein Zahnrad ragt.
Messen. Die Speisekammer ist klein.
1,55 Meter lang wird das Regal, so lang wie Kammer.
1,86 Meter hoch.
0,65 Meter tief. Mehr geht nicht, sonst wäre die Tür im Weg.
Markieren. Wir messen die sechs vertikalen und 15 horizontalen Streben ab. An der Sägestelle ziehe ich am Winkel entlang mit dem Bleistift einen Strich.
Das war die Einleitung. Jetzt der Hauptteil:
Vertikale Kanthölzer auf 1,86 Meter Länge sägen. Horizontale auf 0,61 Meter.
Beschutzbrillt und mit Lärmschützern stellt mein Vater die Säge an. Auch ich habe vorgesorgt, Schutzbrille und Gehörschutz aufgesetzt.
Mein Vater legt den roten An-Schalter der Kreissäge um. Eigentlich würde der Name Kreischsäge besser passen.
Dann legt er das Holz auf den Sägetisch, richtet es aus und nähert es dem wirbelnden Sägeblatt. Als das Holz auf das Sägeblatt trifft, kreischt die Säge eine Oktave höher. Gemächlich führt mein Vater das Holz entlang des Bleistiftstrichs durch das Sägeblatt.
Ein perfekter Schnitt.
Sägekino mit rasanter Filmmusik. Ich lasse das Holz nicht aus den Augen. Zuschauen und lernen. Mein Vater sägt drei weitere Hölzer, dann tritt er zur Seite.
Jetzt ich. Die scharfen Zacken des Sägeblatts kann man durch die schnelle Rotation nicht mehr sehen, es ist zu einem wirbelnden grauen Kreis geworden, der mich an eine Stromschnelle erinnert. Die Säge ist genauso gefährlich. Auch ohne blühende Fantasie kann man sich vorzustellen, wie schnell man sich einen Finger oder eine Hand absägen kann.
Konzentration! Respektvoll nehme ich das Holz, führe es bedächtig durch das Sägeblatt.
Jetzt habe ich zwei Hölzer. Geht doch!
Ich durchsäge die restlichen zehn Hölzer. Genauso achtsam – es soll keine Routine einkehren. Selten war ich so konzentriert.
Ich kann sägen! Kreissägen. Als nächstes könnte ich Kofferbänke schreinern …
»Habe ich jetzt das Vordiplom Heimwerken?«, frage ich mich. Ich hätte es verdient.
Mein Vater übernimmt die langen Hölzer. Ich halte sie, damit die durchgesägten Holzstücke nicht auf den Boden fallen.
Wenn ich solche langen Bretter jemals allein durchsägen und mit ihnen ein Regal oder eine Kofferbank bauen sollte, verleihe ich mir das Heimwerkerdiplom selbst.
Kehren. »Wo gehobelt wird, da fallen Späne«. Wo gesägt wird, auch. Der Spruch liegt vor mir.
Ecken abschleifen. Dieser Arbeitsschritt ist mir vertrauter. Wir sind nicht übergenau, es handelt sich schließlich um ein Speisekammerregal, nicht um eine Geige.
Rahmen verschrauben. Zwei lange Latten am Rand, dazwischen fünf kurze Latten, sodass eine Art Leiter entsteht. Drei Stück davon: die Regalrahmen. Auf die Stufen werden später die Einlegeböden gelegt.
Mit den Rahmen gehen wir in die Speisekammer. Die Konstruktion passt. An die Wand schrauben. Hält.
Einlegeböden einpassen. An den Ecken sägt mein Vater kleine Stücke aus den Brettern aus.
Der Schluss. Ich lege das erste Bodenbrett auf den Rahmen. Sieht gut aus. Das nächste. Sieht besser aus.
»Passt, wackelt und hat Luft«, sagt mein Vater nach dem letzten Regalboden.
High five.
Innerhalb eines Tages haben wir ein Einbauregal gebaut.
Stolz. Sägestolz. Regalstolz. Schreinerstolz.
Ich denke an mein erstes Streichprojekt zurück: den Esszimmertisch und die vier Stühle. Ich war begeistert von diesem sicht- und greifbaren Ergebnis.
Schreinern ist eine mindestens genauso befriedigende Tätigkeit. Beim Schreinern erschafft man etwas Schönes und gleichzeitig Brauchbares. Aus einem natürlichen Material.
Etwas kreieren. Etwas Neues erschaffen, wo vorher nichts war. Die Parallele zwischen Handwerken und Unternehmertum.
Mein Vater und ich lassen den Abend auf der Terrasse ausklingen. Zufriedenheit nach einem erfolgreichen Schaffertag, laue Juliabendluft und ein Zucchini-Feta-Kuchen auf dem Tisch.
Ein schöner Moment. Ein schöner-Vater-Tochter-Tag. Von beidem hatten wir im letzten Jahr so viele.
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